2. Februar 2024

Marktkommunikation mit SAP S/4HANA Utilities

Kaum eine Branche übt einen so großen Einfluss auf unseren Alltag aus wie die Energiewirtschaft. Doch was sind die Besonderheiten dieses Marktes und in welcher Form trägt die SAP-Lösung S/4HANA Utilities dazu bei?

Utilities: Wofür steht der Begriff genau?

Der Begriff Utilities klingt für die meisten wahrscheinlich etwas abstrakt. Möglicherweise denkt man zunächst an das englische Wort „Utility“ im Sinne von Nutzen oder Nützlichkeit oder verbindet es mit Werkzeugen, Fahrzeugen oder Dienstprogrammen. Doch was sich dahinter verbirgt, ist die Industrie, die unseren Alltag maßgeblich prägt – die Energie- und Versorgungswirtschaft.

Im Grunde genommen umfasst diese Branche Unternehmen oder Organisationen, die essenzielle Dienstleistungen für die Gesellschaft bereitstellen. Darunter fällt beispielsweise die Bereitstellung von Strom, Wasser und Gas. Zusätzlich gehören die Regulierung, die Infrastruktur und der technologische Fortschritt zum Verantwortungsbereich der Utilities-Branche.

Wie interagieren Akteure der Energie- und Versorgungswirtschaft miteinander?

In Deutschland herrscht für die Energiewirtschaft ein liberaler Markt, für dessen Überwachung und Regulierung die Bundesnetzagentur (BNetzA) zuständig ist. Die BNetzA ist dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz zugeordnet, welche mit dem Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) den rechtlichen Rahmen setzt.

Voraussetzung dafür ist die Marktkommunikation, worunter (a) sowohl ein sicherer als auch reibungslos funktionierender Informationsaustausch zwischen den Marktteilnehmern, (b) klare Verantwortlichkeiten der beteiligten Marktteilnehmer sowie (c) standardisierte und automatisierte Marktprozesse und Datenformate zu verstehen sind. Die BNetzA wird bei der Definition der Geschäftsprozesse und Datenaustauschformate u. a. von den Verbänden BDEW, DVGW und der verbändeübergreifenden Expertengruppe edi@energy unterstützt.

Eindeutige Definitionen, die der Marktkommunikation zu Grunde liegen, sind im „Rollenmodell für die Marktkommunikation im deutschen Energiemarkt“ des BDEWs festgehalten. Das Rollenmodell beschreibt die Verantwortungen und Aufgaben von Marktrollen, Gebieten und Objekten. Einige der Hauptakteure in der Marktkommunikation sind die Rollen Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und Lieferant.

Netzbetreiber, Messstellenbetreiber und Lieferant

Der Netzbetreiber (VNB) ist im Grunde derjenige, der die Durchleitung und Verteilung von Strom und Gas wie auch die Sicherheit und Stabilität des Netzes verantwortet. Weiterhin ist der Netzbetreiber für die Zuordnung von Marktpartnern zu den in seinem Netzgebiet angeschlossenen Objekten zuständig.

Bezogen auf einzelne Objekte im Netzgebiet, ist der Messstellenbetreiber (MSB) verantwortlich für den Einbau, Betrieb und die Wartung von Geräten sowie die Ermittlung und Weitergabe von Messewerten an den Netzbetreiber.

Die Belieferung von Objekten mit Energie oder die Abnahme von energieerzeugenden Objekten unterliegt der Verantwortung des Lieferanten (LF). Der Lieferant ist in der Regel auch der Hauptberührungspunkt des Endkunden, da mit diesem Verträge zur Strombelieferung oder -abnahme geschlossen werden.

Beschreibung der Marktkommunikationsprozesse

In der Marktkommunikation gibt es unterschiedliche Anwendungsfälle (Use Cases), in denen je nach Anwendungsfall unterschiedliche Marktpartner involviert sind. Für jeden Use Case ist eindeutig definiert, welche Rollen in welcher Form miteinander interagieren (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Sequenzdiagramm des Beispielprozesses „Kündigung“. Im ersten Schritt verschickt der neue Lieferant (LFN) eine Kündigungsanfrage an den alten Lieferanten (LFA). Der LFA antwortet dem LFN mit einer Bestätigung oder Ablehnung (Schritt 2). Wenn bei einer Bestätigung das Lieferende noch nicht gestartet sein sollte, folgt Schritt 3, nämlich der Prozess Lieferende von Lieferant (LF) an Netzbetreiber (NB). Da dieser Prozess in einem anderen Sequenzdiagramm beschrieben wird, ist dieser Schritt als „ref“ gekennzeichnet. Quelle: Bundesnetzagentur

Die Kommunikation verläuft über festgelegte Datenformate, die auf dem UN/EDIFACT-Standard basieren. Aufgrund der Diversität der Anwendungsfälle gibt es für unterschiedliche Zwecke eigene Nachrichtenformate. Beispielhaft sind hier die UTILMD (Übermittlung Stammdatenänderungen), MSCONS (Übermittlung von Zählerständen) und INVOIC (Übermittlung Netznutzungsrechnung) zu nennen.

Trotz der unterschiedlichen Nutzungsbedingungen ähneln sie sich in ihrer Aufbaustruktur. Die Definition der Nachrichtenformate legt fest, welche Inhalte enthalten sein können oder müssen (siehe Abbildung 2). Sowohl die Anfrage als auch die Antwort enthalten Muss-Felder, die befüllt sein müssen. Ist dies nicht der Fall, widerspricht das der Regulatorik, was eine berechtigte Ablehnung zur Folge hat.

Abb. 2: Auszug aus dem UTILMD AHB. Die Definition der Nachricht beschreibt die Inhalte für die Kündigungsanfrage, Bestätigung und Ablehnung. Felder, die zum Beispiel Informationen zur Elektronischen Post oder Telefonnummer des Kunden enthalten, sind als Muss-Felder gekennzeichnet und müssen in der Nachricht enthalten sein.

Die Datenformate unterliegen einer regelmäßigen Aktualisierung, welche auf gesetzlichen und regulatorischen Beschlüssen basiert. Daraus resultierende Anpassungen in komplexen Prozesslandschaften müssen folglich umfangreich getestet werden, um die Funktionsfähigkeit der Prozessabläufe weiterhin sicherzustellen.

Wie können Unternehmen in der Energiewirtschaft ihre Prozesse abbilden?

Energieversorger im deutschen Markt haben also die Herausforderung, der Regulatorik gerecht zu werden und etwaigen Anpassungen ideal und zeitgerecht entgegenzutreten. Zur Erfüllung dieser komplexen Anforderungen verwendet man unterschiedliche Lösungen, unter anderem auch S/4HANA Utilities im Zusammenspiel mit der SAP Market Communication Cloud. S/4HANA Utilities deckt die regulatorische Prozesslandschaft ab und wird in regelmäßigen Abständen durch die SAP aktualisiert.

Zusätzlich werden Kommunikationsprozesse über die SAP Market Communication Cloud abgewickelt, weswegen die SAP regelmäßige Aktualisierungen der regulatorischen Prozesse auf der Cloud durchführt. Dies führt zur Trennung der Prozesse in ihren betriebswirtschaftlichen Anteil (abgebildet im S/4 HANA Utilities) und ihren regulatorischen Anteil (abgebildet in der SAP Market Communication for Utilities). Für einen reibungslosen Ablauf der Prozesse ist jedoch ein durchgängiges Zusammenspiel beider Systeme notwendig.

Als ganzheitliche Lösung deckt das S/4HANA Utilities sowohl auf Prozess- als auch Nachrichtenformatebene die regulatorischen Anforderungen verschiedener Marktrollen ab. Die aktuellen S/4HANA Utilities Lösungen bauen auf dem APE-Framework (Application Process Engine) auf. Das APE-Framework ermöglicht eine effiziente Modellierung, Ausführung und Überwachung von Geschäftsprozessen, was unter anderem aus dem Einsatz der SAP FIORI UI-Technologie resultiert. Die Fiori-Technologie ermöglicht die Nutzung des SAP-Systems auf diversen Endgeräten, wie etwa auf Tablet oder Handy und zieht dadurch die vermehrte Nutzung von „Fiori-Apps“ anstelle von Transaktionen im GUI nach sich. Weitere Kernspezifika des S/4HANA Utilities behandelt der Blogbeitrag S/4HANA Utilities – von der Pflicht zur Kür.

Fazit

Die Utilities-Branche umfasst alle Tätigkeitsfelder der Versorgungswirtschaft. Die durch die Bundesnetzagentur regulierte Marktkommunikation resultiert in eindeutig definierte Anwendungsfälle und Datenformate, die in gewissem Maße einen Standard definieren. Diese Standardisierung der Marktkommunikationsprozesse wird von der SAP aufgegriffen und mit S/4HANA Utilities der Rahmen für eine jederzeit regulierungskonforme Abwicklung der Prozesse geboten.

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Ein Beitrag von:

Deniz Caylioglu

Deniz ist als Consultant im Bereich Utilities in Hamburg tätig. Ihre Projekterfahrungen bei adesso orange beruhen auf der Mitarbeit in Transformationsprojekten. Sie ist sowohl auf technischer als auch fachlicher Ebene unterwegs.
Alle Beiträge von: Deniz Caylioglu

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